‘VERNETZTE DISPLAYS’ [Marie-France Rafael]

[English translation in preparation, below published in the original German, for now] 

Vernetzte Displays 

 Bunte Bilder gleiten über meinen Computer-Screen, ein Display löst das andere abIch navigiere durch die verschiedenen, auf meinem Desktop, offenen Fenster – klicke mich von Programm zu Programm, von App zu App, von Seite zu Seite, von Hyperlink zu HyperlinkDabei poppen immer neue Fenster und Tabs auf, die ich wieder versuche zu schließen, sofern ich überhaupt noch einen Überblick über diese animierten Displays habe, die mehr und mehr ihr Eigenleben führen, sich meiner Kontrolle entziehen bzw. über mich Kontrolle ausüben.  

Meine Finger klicken, tippen, swipen und scrollen mechanisch  mit jeder Bewegung, die meine Finger auf dem Touchpad ausführenwerde ich, ob unbewusst und bewusst, zum Konsumenten und gleichzeitigen Produzenten von Inhalten. Ich produziere und konsumiere – konsumiere und produziere. 

 Überall Displays und Bilder.  

 Jeder und alles wird in Bildern präsentiert (displayed in der Engl. Übersetzung), funktioniert nur noch in einer Bildlogik – ein vollkommen technologisiertes Spektakel. Der Bildraum ist zum alltäglichen Handlungsraum unserer „digitalisierten Existenz“1 geworden. Innen und Außen, Privat und Öffentlich lösen sich auf beziehungsweise fallen in eins. Niedrig aufgelöste „poor images“, wie die deutsche Filmemacherin, Künstlerin und Autorin Hito Steyerl diese viralen Bilder nennt, füllen und beherrschen unseren virtuellen Alltag. Charakteristisch für die „poor images“ ist ihre niedrige Auflösung, ihre hohe Komprimierung, wie auch das Faktum, dass sie arm an Farb- und Bildinhalten sind. Es handelt sich um Bilder, die das symptomatische Erzeugnis unserer real gewordenen, alles durchdringenden visuellen Kultur sind. In gewisser Weise sind diese „armen Bilder“ und unser performativ-lebendiger Umgang mit ihnen Spiegelbild der „affective condition of the crowd 2, da sie, wie Steyerl weiter fortfährt, sowohl einen Einblick in unsere kollektiven Neurosen, als auch unsere Paranoia und Ängste liefern. In der uns beherrschenden Destabilisierung der Lebensformen im Postfordismus, wie sie der italienische Philosoph der jüngsten Post-Operaismo Bewegung Paulo Virno konstatiert, werden die „armen Bilder“ früher oder später eine jede befallen. Ich produziere sie und lasse sie zirkulieren, diese viral gewordenen visuellen Ideen.3 Wie aus der Zeit ausgehoben und die Zeit selbst aufhebend, funktionieren diese animierten Zirkulationen in einer ihnen ganz eigenen Zeit oder gar Nicht-Zeit. 

 Mein Blick schweift über das Computer-Display. Ich klicke mich langsam durch meine verschiedenen Fenster und Tabs, navigiere mich durch die Displays – wobei es eher die Displays sind, die mich lenken und führenIm Zeitalter digitaler Technologien, Sozialer Medien und einer neueren Youtube-, Meme– und Internet-Ästhetik, produziere ich Illusionen eines Bildes ohne Tiefe und Bilder einer Illusion, die ihrerseits nichts als ein Bild zum Ursprung haben. Denn im Grunde gehe ich nicht von einer Realität aus, die repräsentiert werden soll, sonderahme präfabrizierte Bilder nach. In diesem Sinn gibt es kein ‚Original‘, auf das ich mich beziehe. Die Unterscheidung zwischen Realität und Repräsentation ist nicht mehr möglich – weder für mich noch für andere. An ihre Stelle ist getreten, was der französische Medientheoretiker und Philosoph Jean Baudrillard 1981 in einer von visuellen Massenmedien dominierten postmodernen Gesellschaft „Hyperrealität“ nannte – in der es nicht mehr um Imitation, sondern um Substitution der Realität und Zeichen geht – und die wir inzwischen nicht mehr nur mittels traditioneller Massenmedien (er)leben, sondern in unserem heutigen Prosumer-Verhalten selbst performieren – als Vernetzung von Displays. 

 Welche Rolle spielt die Kunst in einer Gegenwart, in der die Produktion, Zirkulation und nicht zuletzt der Konsum einer schier endlosen Flut an Bildern dominiert, die nicht einfach als „diskrete Objekte“ fungieren, sondern durch die globalen Netzwerke reisen und hierüber ebenfalls an sozio-politischen Auseinandersetzungen und ökonomischen Wertschöpfungsprozessen  teilhaben.4 Als medial vernetze Individuen leben wir in einer post-digitalen Bildlogik oder präziser formuliert, haben wir es mit einer neuen Bildlogik vernetzter Displays zu tun, die sich als ästhetisches sowie relationales Dispositv manifestiert. Der neue Status der Massenzirkulation und Veränderlichkeit von Bildern, das heißt ihr Potential überall zur gleichen Zeit präsent, bearbeitet und kontextualisiert zu werden, erzeugt einen neun Wert für und durch die Bilder – eine „Macht des Bildes“.5 Diese Macht der Bilder beschränkt sich nicht nur auf das Digitale, sondern wirkt rekursiv auf das Analoge ein, das wiederum das post-digitale bildliche Leben beeinflusst.  

 Was bedeutet es durch das Post-Digitale zu denken, zu sehen, zu fühlen – also zu leben? 

 So wie ich in Räumen der Kunst durch Display-Situationen herumwandere, navigiere ich durch vernetzte Displays auf meinem Computer.  

Als Display definiere ich eine künstlerische Präsentationsweise, in welcher das Gezeigte als Präsentationsform in Erscheinung tritt und die ästhetische Funktion des Displays somit selbst mitausgestellt wird. Solch eine künstlerische Präsentationsweise schafft eine auf zwei Ebenen transparente Präsentationssituation: Es wird sowohl das, was das Display zeigt, als auch die Art und Weise, wie es gezeigt wird (d.h. die Effekte des Displays), ausgestellt. Eine (soziale) Situation, die über einen rein künstlerischen Kontext hinausgeht, kann konstruiert werden.  

In einer postdigitalen relationalen Bildlogik vernetzter Displays, welche die Vorstellung der Präsenz des Digitalen auch jenseits digitaler Medien umfasst6lässt sich eine Tendenz beobachten, wonach die drei Dimensionen der Produktion, Zirkulation, und Konsumtion von Bildern immer enger miteinander verbunden sind, mitunter sogar kaum noch voneinander getrennt werden können. In den verschiedenen Apps sozialer Medien kann ich von überall und zu jeder Zeit auf eine bestimmte Weise Bilder produzieren, sehen, bearbeiten, ästhetisieren, appropriieren, rahmen, bewerten, kommentieren, vervielfältigen und verschlagworten. Diese digitalen, bildbasierten und nicht ausschließlich kunstspezifischen Plattformen zur bildlichen Darstellung erscheinen als vernetzte Displays, die in einer rekursiven Bewegung zum analogen Raum stehenIch antizipiere die vernetzen Displays als ein dynamisch-animiertes Präsentationsformat, um somit die zirkulative „Macht des Bildes“ aktiv mitzusteuern, wenngleich letztendlich nur ich es bin, die von den vernetzen Displays animiert und gelenkt werde. Im bestehenden kapitalistischen Geist findet laut dem französischen Philosophen Bernard Stiegler ein regelrechter Druck zur Synchronisation statt – dazu bestimmten Verhaltens- und Gedankenmustern zu entsprechen.7 Ich beziehungsweise das, was ich für mein Selbst halte, werde/bin animiert 

 Möglicherweise lässt sich die Spezifik dieser neuen Bildlogik vor dem Hintergrund einer anderen kunsthistorischen und techno-politischen Transformation konturieren. Hatte der deutsche Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin angesichts des Aufkommens der Photographie und des Films im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit festgestellt, dass der Ausstellungwert den Kultwert abgelöst, so lässt sich für das Kunstwerk in unserem jetzigen, digitalen Zeitalter folgendes beobachten: Der Ausstellungswert ist zum eigentlichen Kunstwert geworden. Zugespitzt formuliert kann geradezu von einem neuen Kultwert von Bildern gesprochen werden, einem Fetisch des Ausstellungswerts, in welchem das Kunstwerk zum Instrument eines spekulativen Kunst-Waren-Werts geworden ist – ‚Kult’ hier freilich nicht im früheren Sinn einer göttlichen Präsenz in Ikonen, sondern als quasi-rituelle manuelle und manipulative Verwebung von Produktion, Zirkulation und Konsumption von Kunst mittels vernetzter Displays. Vernetzte Displays stellen die Infrastruktur für die Zirkulation des Bild- oder Ausstellungswerts dar. Sie ermöglichen einen Zirkulationswert – den eigentlichen Mehrwert des Bildes in einem vernetzten Display.